Felinen Hyperästhesie-Syndrom und Homöopathie

Beitrag über Die homöopathische Behandlung des Felinen Hyperästhesie-Syndroms

von Dr. med. vet. Brigitte Hentschel 

Meine Katze hat eine Zwangsstörung“  

Das Felinen Hyperästhesie-Syndrom, auch als running fits oder Rolling Skin Syndrome bekannt, ist eine neurologische Erkrankung bei Katzen mit unbekannter Ursache. Oft glaubt man, die Katze hätte Halluzinationen. 

Ich hatte einige Katzen mit diesen Symptomen erfolgreich in meiner tierärztlichen Praxis und mit Homöopathie behandelt. 

Luna – eine junge, fröhliche Maine Coon Katze liebt es, ihre Besitzerin beim Schaumbad zu besuchen. Sie setzt sich dann auf den Badewannenrand und schlägt spielerisch nach den Schaumkronen in der Wanne. Die Katze macht das nicht zum ersten Mal, aber diesmal plumpst sie in die Wanne. Nicht schlimm, aber sie muss von der Besitzerin „gerettet“ werden. Es ist ihr nichts weiter passiert und die Besitzerin reibt sie trocken. Schon während des Trockenreibens, fängt Luna damit an, sich in den Schwanz zu beißen. Das Beißen wird immer drängender. Dann dreht sie sich im Kreis. 

Sobald Luna von diesem Moment an das Geräusch von laufendem Wasser im Badezimmer hört, will sie zwanghaft ins Bad. Wenn sie dort ist, fängt sie damit an, sich im Kreis zu drehen und sich in den Schwanz zu beißen. Dabei ist sie kaum ablenkbar. Das geht so lange, bis sie erschöpft zusammenbricht. Der Schwanz ist binnen kürzester Zeit kahl und schließlich auch blutig. Die Besitzerin ist ratlos. 

Das Feline Hyperästhesie-Syndrom – ein Mysterium in der Katzenmedizin 

Das Feline Hyperästhesie Syndrom (FHS) – auch als Rolling Skin Syndrome bekannt – ist ein Mysterium in der Katzenmedizin. Die genaue Ursache für diese, wahrscheinlich neurologisch bedingte, Erkrankung ist nicht bekannt. Es werden viele Faktoren diskutiert – physische Ursachen, wie beispielsweise Erkrankungen der Wirbelsäule, Entzündungen im Gehirn oder Infektionen kommen genauso in Frage, wie psychische Ursachen – etwa eine generalisierte Angststörung oder eine Schizophrenie-ähnliche dissoziative Wahrnehmungsstörung. Es könnte auch eine Sonderform der Epilepsie sein. Sicher ist jedoch, dass dauerhafter Stress als Symptom hier eine sehr wichtige Rolle spielt. 

Er ist wie durchgeknallt“ 

Paulchen – ein agiler europäisch-kurzhaar Kater – fängt manchmal mitten im Spiel an, schrill zu schreien. Dann dreht er sich im Kreis, immer wieder und wieder. Er fängt seinen Schwanz und beißt zu. Er beißt und beißt, bis es blutet. Wenn die Besitzerin ihn anspricht, damit er aufhört, beachtet er sie nicht. Es ist, als würde er sie nicht hören. Wenn sie ihn anfasst, um ihn so zum Aufhören zu zwingen, dreht er sich um, faucht und beißt sie in die Hand. Dabei sind seine Augen riesengroß und die Ohren angelegt. Dann schüttelt er sich und ist wieder wie vorher. Nur um kurze Zeit später wieder anzufangen. Irgendwann hat er sich die Schwanzspitze dermaßen blutig gebissen, dass sie abstirbt und amputiert werden muss. 

Autoaggressionen sind ein häufiges Symptom 

Man nimmt an, dass die Autoaggressionen, welche die Katzen während eines „Anfalls“ in der Regel zeigen, durch eine erhöhte Schmerzhaftigkeit der Haut ausgelöst werden (Fachbegriff: Hyperästhesie). Wichtigstes Symptom: Der Schmerz zwingt die Tiere, sich unkontrolliert zu beißen. Teilweise beißen sich die Tiere blutig. Schmerzmittel sind meistens wirkungslos. Bevorzugtes Ziel dieser unkontrollierten Autoaggression ist der Schwanz. Die Katzen drehen sich im Kreis und beißen – und beißen – und beißen… Häufig müssen die Schwänze solcher Katzen amputiert werden, weil sie so schlimm verletzt sind. 

„Im Leben der Familie ist sie nicht mehr vorhanden.“ 

Milli – eine neugierige und etwas ängstliche silbergraue Britisch Kurzhaar-Mix-Katze – leidet schon länger am „Rolling Skin Syndrome“. Ohne ersichtlichen Grund beginnt sie plötzlich, mit dem Schwanz hin und her zu peitschen. Das Peitschen wird immer drängender, unkontrollierbarer. Panisch leckt sie sich immer wieder die Flanken. Ihre Haut zuckt wie verrückt, rollt wellenartig von hinten nach vorne, bis zu den Gliedmaßen. Sie beißt sich zwischen den Zehen, bis es knackt. Plötzlich springt sie auf, sie rennt, sie flüchtet, als ob ihr der Teufel im Genick säße. Dann sitzt sie plötzlich wieder ruhig. Ihre Besitzerin spricht sie an, versucht sie zu trösten, sie zu berühren. Aber obwohl die Katze offensichtlich die Nähe ihrer Besitzerin sucht, toleriert sie keine Berührung. Plötzlich geht das Ganze wieder von vorne los. So geht es stundenlang – über Tage, Wochen, Monate. Milli wird durchgecheckt, bekommt Schmerzmittel, Kortikosteroide. Nichts wirkt. Ihre Anfälle werden immer schlimmer. Schließlich meidet die Katze die Nähe ihrer Besitzerin, verkriecht sich in dunklen Ecken. Im Leben der Familie ist sie nicht mehr vorhanden. Sobald sie ihre Verstecke mal verlässt, kommt der nächste Anfall. Die Besitzerin ist verzweifelt. Die Euthanasie steht im Raum. Mit diesen Symptomen kam die Katze in meine tierärztliche Praxis. 

Die konventionelle Medizin stößt bei FHS häufig an ihre Grenzen 

Im Falle des FHS stößt die konventionelle Tiermedizin definitiv an ihre Grenzen. Die Diagnose kann anhand der klinischen Symptome und über den Ausschluss anderer neurologischer Erkrankungen gestellt werden. Manche Katzen sprechen auf starke Neuroleptika oder Antiepileptika an. Doch die Wirkung solcher Drogen Maßnahmen ist immer ungewiss und die Prognose für die Tiere meist schlecht.  

Wenn die konventionelle Medizin bei dieser Art von Krankheiten an ihre Grenzen stößt, sollten andere, alternative oder komplementäre Wege beschritten werden. Gerade diese Erkrankung spricht auf eine ordentlich durchgeführte konstitutionelle homöopathische Behandlung sehr gut an.  

Kommt eine Katze mit Felinem Hyperästhesie Syndrom zu mir in die tierärztliche Praxis, so führe ich immer eine vollständige homöopathische Fallanamnese durch. Ich analysiere die Krankengeschichte, sichte sämtliche Befunde und mache mir außerdem ein Bild von den Lebensumständen, unter denen die Katze lebt. Da Stress bei dieser Erkrankung ein wichtiger Faktor ist, muss neben dem richtigen homöopathischen Mittel auch analysiert werden, ob und wie man die Lebensumstände der Katze verbessern kann (oder muss), um ihr den Dauerstress zu nehmen. Leider ist das häufig nicht möglich, da viele Katzen heutzutage unter Umständen leben, die zwar nicht gut für sie sind, aber leider auch kaum zu ändern sind (z.B. Mehrkatzenhaushalte auf zu kleiner Fläche oder Wohnungshaltung). 

Dennoch hilft die Homöopathie den Tieren besser mit Stress umzugehen und ihre Lebensumstände besser zu akzeptieren. Die Homöopathie ist hier eine echte Alternative zur allopathischen medikamentösen Therapie. 

Und wie geht es den drei Patienten heute? 

Die kleine Katze Luna sprach sehr gut auf das homöopathische Mittel Stramonium C200 an. Die Symptome sind verschwunden. Sie dreht sich heute nicht mehr – und auch das Geräusch von Wasser macht sie nicht mehr verrückt – sehr zur Freude ihrer Besitzer und der Tierärztin.  

>> Link zum Arzneimittel Stramonium 

Für Paulchen war Belladonna C200 das Mittel der Wahl. Seit er es bekommen hat, lässt er seinen Schwanz in Ruhe – leider kam er etwas zu spät zu mir. Ein Stückchen Schwanz fehlt ihm jedoch dauerhaft. 

>> Link zum Arzneimittel Belladonna 

Milli, der „aussichtslose Fall“, hat ein bisschen mehr Zeit gebraucht, um sich zu beruhigen. Stramonium in aufsteigenden LM-Potenzen verbesserte die unerträgliche Situation signifikant. Allerdings hatte sie immer wieder Rückfälle. Diese waren zwar nicht ganz so dramatisch wie die anfänglichen „Anfälle“, aber dafür umso hartnäckiger. Ein Mittelwechsel auf Phosphorus in aufsteigenden LM-Potenzen brachte endlich Ruhe in den Fall. Mittlerweile bekommt sie Phosphorus LM 5 und ist seit einem Jahr weitgehend ohne auffällige Symptome anfallsfrei. Eine Euthanasie steht nicht mehr im Raum.  

>> Link zum Arzneimittel Phosphorus