Kirchen und die Homöopathie

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Der Streit um die Wirksamkeit der homöopathischen Heilmethode gleicht beinahe einem Glaubenskrieg. Anhänger der Homöopathie verteidigen ihre Disziplin als seriöse, medizinische Therapiemethode, die auf einem wissenschaftlichen Ansatz beruht. Ihre Gegner werfen ihr Wirkungslosigkeit und esoterisches Gebaren vor oder fürchten sogar um die Gesundheit derer, die sich für eine homöopathische Behandlung entscheiden. Diskutiert wird aber nicht nur die medizinische Effektivität dieser Behandlungsmethode, sondern auch weltanschauliche Fragen werden verhandelt. Weil die Homöopathie als alternative Heillehre nicht nur ein Teilgebiet der Medizin ist, sondern für manche Homöopathen und Patienten ein geschlossenes Weltbild zu sein scheint, mischen sich in diese Diskussion auch die christlichen Kirchen ein.

Die Unterscheidung der Geister

Ignatius von Loyola© fotolia / Georgios Kollidas
Ignatius von Loyola

Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, wurde im 17. Jahrhundert von der Katholischen Kirche heiliggesprochen. Er hinterließ die Schrift „Die Unterscheidung der Geister“, in der er Regeln vorschlug, um die guten und bösen Kräfte, die im Menschen wirken, auseinanderhalten zu können.[1] Mit dieser Frage befassen sich die Kirchen seit nunmehr 2000 Jahren. Was ist gut? Was ist böse? Was stärkt den Glauben? Und was bringt den Gläubigen auf Abwege? Heute ziehen sich die Kirchen mehr und mehr aus der Tagespolitik zurück und begnügen sich damit, schriftlich oder mündlich ihre Lehrsätze zu verkünden. Das war allerdings nicht immer so. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts beispielsweise verfolgten und verbrannten kirchliche Institutionen sogenannte Hexen zur Läuterung der gottlosen Seelen. Durch die Hexenverfolgung kam auch der medizinische Fortschritt zum Stillstand, der im Mittelalter vor allem in christlichen Klöstern vorangetrieben wurde. Mönche und Geistliche wirkten häufig als Heiler und forschten an neuen, medizinischen Methoden. So wurden von mönchischen Ärzten beispielsweise wirksame Schmerzmittel aus Heilpflanzen hergestellt. Während der Ära der Hexenverfolgung aber stand jeder Heiler und jede Heilerin, selbst Geistliche, unter Generalverdacht, nicht mit göttlichem Zuspruch, sondern mit teuflischen Kräften zu wirken.[2] Gerade Frauen und Hebammen waren wurden missbilligend beäugt und fielen nicht selten einem Inquisitionsgericht zum Opfer.

Diese Zeiten sind längst Vergangenheit. Sie gehören zur Geschichte der christlichen Religion, deren weltliche Macht im Laufe der Jahrhunderte aber abgenommen hat. Dennoch tragen die Kirchen auch heute noch ihren Teil zu weltanschaulichen und ethischen Diskussionen bei. Noch immer machen sie es sich zur Aufgabe, frei nach dem Heiligen Ignatius, die Geister zu unterschieden. Besonders von den Kirchen als solche klassifizierten esoterischen Heilmethoden sind derzeit harter Kritik ausgesetzt. So wurde jüngst vom katholischen Bistum Augsburg Akupunktur als wirkungslose Therapie bezeichnet, die nur auf dem Placebo-Effekt beruhe. Auch die Homöopathie wird zum Teil sowohl von der katholischen als auch der evangelischen Kirche als Bestandteil der New-Age-Bewegung abgelehnt.[3]  Diese praktiziere magische, esoterische, abergläubische und übernatürliche Praktiken, die den christlichen Lehren widersprächen.

Kirche gegen Esoterik

Gräbt man sich durch den Berg von Aussagen und Meinungen der Kirchen zum Thema Homöopathie, ist man mit den unterschiedlichsten Ansichten konfrontiert. Zunächst muss man Äußerungen der verschiedenen Konfessionen und Institutionen auseinanderhalten. Für Erheiterung sorgte 2011 beispielsweise der Bund Katholischer Ärzte (BKÄ), der die Homöopathie als Behandlungsmöglichkeit für Charakterschwächen und sexuelle Perversionen, speziell als Heilmethode für Homosexuelle in Betracht zog. Diese Meinung wurde durch den BKÄ allerdings als Privatmeinung vertreten.[4][5] 2003 unter Papst Johannes Paul II. veröffentlichte der Vatikan ein Dokument über das Verhältnis der Kirche zur New-Age-Bewegung, als deren Bestandteil er die Homöopathie namentlich benannte. In diesem Dokument wird die homöopathische Methode als Esoterik bezeichnet, die ein dem Christentum widersprechendes Weltbild vertrete.[6] Der Arzt und Erfinder der Homöopathie, Samuel Hahnemann, schreibt in seinem „Organon der Heilkunst“ von der Lebenskraft des Menschen, die, wenn sie verstimmt ist, Krankheiten hervorbringt und durch die homöopathische Arznei wieder ins Gleichgewicht gebracht werden kann.[7] Das Konzept der Lebenskraft widerspricht aber dem Menschenbild der Kirche. „Die Quelle der Heilung, so wird gesagt, liege in uns selbst und sei zu erreichen, wenn wir mit unserer inneren oder der kosmischen Energie in Verbindung stehen.“, heißt es in jenem Vatikanischen Dokument über alternative Therapieverfahren.[6] Der Mensch besteht aber, so schreibt beispielsweise der Heilige Augustinus, aus vielen verschiedenen, einander widerstrebenden Kräften, guten wie bösen.[8] Etwas wie eine einzige Lebenskraft, die aus dem Gleichgewicht geraten kann, gibt es für die christlichen Kirchen nicht. „Heilung gibt es entweder durch die Gabe realer Wirkstoffe oder durch übernatürliche göttliche Heilung.“, schreibt der evangelikale Fundamentalist Eckart Haase.[3]  Gerade Freie Kirchen argumentieren außerdem gegen Hahnemann selbst, der zu den Freimaurern gehört und den christlichen Glauben somit abgelehnt habe. Die evangelischen Landeskirchen halten sich in dieser Frage betont neutral und unverbindlich.[9]

Hahnemann und sein Glaube

Hahnemann selbst verstand sich allerdings durchaus als gläubiger und frommer Mensch. Ungewöhnlich früh, mit 22 Jahren, trat er den Freimaurern bei. Die Ideale der Menschenliebe, der Sittlichkeit und Disziplin hochhaltend war sein Schaffen und Wirken, gerade als Arzt, von tiefer Religiosität durchdrungen. Die Existenz eines allmächtigen und gütigen Gottes bejahend, stellte er seine Heillehre in den Dienst der Menschheit. Er schrieb: „Die allliebende Vatergüte dessen, den kein Name würdig genug kennt, der sogar für alle und selbst für die kaum denkbaren Bedürfnisse des dem schärfsten Menschauge nicht sichtbaren Thierchens im Staube reichlich sorgt und durch seine ganze Schöpfung hin Leben und Wohlbehagen in reicher Fülle zuvorkommend ausstreut, – sollte der Tyrannei fähig sein, nicht zuzugeben, daß sein (ihm verwandter) Mensch, selbst nicht mit Anstrengung des durchdringenden, ihm von oben eingehauchten Geistes, Mittel aus dem ungeheuren Reiche der Erdenschöpfung kennen zu lernen den Weg fände, die die Qualen von seinen Mitbürgern zu verscheuchen fähig wären, welche oft schlimmer, als der Tod selbst sind? … Ehe ich diese Gotteslästerung hätte stattfinden lassen, eher hätte ich alle Schulsysteme der Welt verschworen.“[10]

Weltanschauung oder Heilmethode?

Und schon findet man sich doch in eine Debatte um die Wirksamkeit der Homöopathie verwickelt. Kirchliche Websites diskutieren immer wieder wissenschaftliche Studien, die die Wirksamkeit der Homöopathie untersuchen, in Zweifel ziehen oder bestätigen.[11] Die Homöopathie wird bezichtig, eher eine Weltanschauung zu etablieren, als eine wissenschaftliche Heilmethode zu sein.[12] In Weltbildfragen wollen die Kirchen allerdings ihr Primat nicht angegriffen sehen und warnen ihre Gläubigen daher vor alternativen Heilmethoden und deren weltanschaulichen Implikationen. In der Praxis aber werden vor allem in Deutschland solche Fragestellungen eher weniger streng gehandhabt. Keine Quelle berichtet von einer Exkommunikation oder dem Verweis aus einer evangelischen Landeskirche aufgrund der Inanspruchnahme einer homöopathischen Behandlung.
Theologisch gesehen sind die Idee der Selbstheilung, das Konzept von einer inneren Lebenskraft und die damit verbundenen Heilmethoden mit dem christlichen Ethos tatsächlich schwer übereinzubringen. Die Homöopathie jedoch hat sich seit Samuel Hahnemann entscheidend weiterentwickelt. Das Konzept der Lebenskraft steht sicher nicht für jeden Homöopathen im Vordergrund seiner Arbeit. Jeder einzelne Gläubige sollte daher, wie in allen Belangen, selbst entscheiden, was er mit seinem persönlichen Glauben vereinbaren kann und was nicht. Die Zeiten der Hexenverfolgung jedenfalls sind längst Vergangenheit.

Quellenangaben:

[1] Ignatius von Loyola „Die Unterscheidung der Geister“: http://www.priesternetzwerk.net/gfx/pdf/geistliches_leben/Ignatius_Unterscheidung_Geister.pdf 15.08.2015
[2] Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs „Geschichte der Anästhesie“: https://www.gesundheit.gv.at/Portal.Node/ghp/public/content/an%C3%A4sthesie-geschichte.html 15.08.2015
[3] Wirklich skeptisch „Christlicher Glaube und Homöopathie“: https://wirklichskeptisch.wordpress.com/2015/05/21/christlicher-glaube-und-homoopathie/ 15.08.2015
[4] Dr. Gero Winkelmann „Kein Strohhalm“: http://www.bkae.org/index.php?id=953 15.08.2015
[5] Christoph Seidler „Umstrittene „Therapie“: Katholische Ärzte wollen Homosexuelle mit Homöopathie kurieren“: http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/umstrittene-therapie-katholische-aerzte-wollen-homosexuelle-mit-homoeopathie-kurieren-a-766184.html 15.08.2015
[6] Päpstlicher Rat für die Kultur „Jesus Christius – Bringer des Wassers des Lebens. Eine christliche Betrachtung zum New Age“: http://www.vatican.va/roman_curia/pontifical_councils/interelg/documents/rc_pc_interelg_doc_20030203_new-age_en.html 15.08.2015
[7] Samuel Hahnemann „Organon der Heilkunst“, § 10, 12 und 16: http://www.zeno.org/Kulturgeschichte/M/Hahnemann,+Samuel/Organon+der+Heilkunst+(6.+Auflage)/Text+des+Organons 15.08.2015
[8] Augustinuns „Confessiones“, Stuttgart 2009: 7. und 8. Buch.
[9] AG Welt „Kirchenzeitung macht Homöopathie zum Thema“: http://agwelt.de/2013-07/kirchenzeitung-macht-esoterik-homoeopathie-zum-thema/ 15.08.2015
[10] Richard Haehl, Samuel Hahnemann: Sein Leben und Schaffen, Bd.1, Leipzig 1922, S. 276f.
[11] Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen „Verhärtete Fronten im Streit um die Homöopathie“: http://www.ezw-berlin.de/html/15_3882.php 15.08.2015
[12] Harald Lamprecht „Homöopathie und der Geist der Medizin“: http://www.confessio.de/cms/website.php?id=/religionheute/esoterik/homoeopathie/geist_der_medizin.html 15.08.2015